Die beiden jungen Tänzerinnen kommen direkt aus der Mitte Deutschlands. Als sie mit ihren Förmchen noch im Sandkasten rangierten und kreierten, wurden ihre Spielplätze durch einen Todesstreifen strikt getrennt. Nachdem der „Wind of Change" diese Mauer nicht nur in den Köpfen jedoch hinweggeweht hatte, dauerte es nur noch wenige Jährchen, dass Sabine Straßburg aus West-Thüringen und Rosi Steinbrück aus Nordost-Hessen zusammentrafen.
Aus dem eigenen Erleben erkannten die beiden attraktiven Frauen aus Eisenach und Kassel, dass die Verbindung von Ost und West Großartiges erschaffen kann. Nicht nur im kleinen Rahmen, sondern auch in großer Dimension: Orient trifft Okzident. Wie berauschend das sein kann, haben der Kalte Krieg zwischen den Blöcken der Weltmächte USA und Sowjetunionen sowie die jahrtausendlangen heißen Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen offenbar weitgehend vergessen lassen.
Doch bereits die Eleganz und gleichzeitige schlichte Pracht alter byzantinischer Kunst baute auf der Verbindung von Orient und Okzident auf. Konstantinopel, das heutige Istanbul, mag dafür der herausragende Schmelztiegel gewesen sein. Doch auch in „Grenzstädten" wie Wien, Budapest oder Sarajewo sind diese Spannungselemente gut zu beobachten. Was kontinuierliche Propaganda zunehmend verdeckte, war etwa im angeblich so finsteren Mittelalter noch sichtbar: Kaiser Friedrich II. (26.12.1194-13.12.1250) etwa, auch das „Staunen der Welt" genannt und Enkel des legendären Friedrich Barbarossa, schuf in seiner Wahlheimat auf Sizilien im 13. Jahrhundert ein interkulturelles Paradies, in dem Orient und Okzident sinnlich und kraftvoll zugleich verschmolzen.
Wenn man nun Sabine Straßburg und Rosi Steinbrück bei ihren orientalischen Tänzen zusieht, unterlegt mit östlichen und westlichen Melodien und zuweilen auch kombiniert mit den eher raumgreifenden Bewegungen des Okzidents, dann glaubt man auch das „Staunen der Welt" aus einer längst vergangenen Zeit zu verstehen. Genau diese Kraft und Sinnlichkeit neu zu entfachen und wieder zu etablieren - darum geht es dem Tanzduo „Aus Licht und Schatten". Neben reichlich Tanzvergnügen und Augenschmaus fürs Publikum.
Der übliche Orientalistik-Kitsch hat dabei keine Chance. Auch wenn man zwischenzeitlich vielleicht kurz an den Kinohit „Königreich der Himmel" des britischen Erfolgsregisseurs Ridley Scott aus der Zeit der Kreuzzüge im späten 12. Jahrhundert denken mag. Die Szenen aus dem Spinnwerk hätten auch Scotts Director's Cut wahrscheinlich perfekt abgerundet, dann aber wäre Hauptdarstellerin Eva Green gerade mit Blick auf die dunkelhaarige Rosi Steinbrück zwischendurch möglicherweise ein wenig in den Hintergrund gerutscht ...
Die Ähnlichkeit von Rosi und ihrer Tanzpartnerin Sabine Straßburg ist frappierend, auch wenn letztere blond ist. Beide sind gleich groß, weisen nahezu die gleiche Statur auf, ähneln sich sogar von den Gesichtszügen her. Sie könnten Schwestern sein, unterscheiden sich dann aber wieder doch in ihrer Art. So wie bei Orient und Okzident. „Wer hat den besseren Gott?", fragt aktuell ein deutsches Nachrichtenmagazin mit Blick auf Christen und Muslime. Der übliche Wahnsinn also, obwohl die Antwort doch so leicht und klar ist: Keiner! Es ist immerhin derselbe Gott - und erst kurz nach Abraham trennen sich die Wege von Juden, Christen und Muslimen.
Wie der Tanz mit Schleiern, Kerzen, Bändern, Fächern und wunderschönen Kostümen, bei denen anfangs und zwischendurch Weiß dominiert und dann durch ein sinnliches Rot und ein mystisches Schwarz ergänzt wird, packt auch die musikalische Gestaltung: Orientalische Melodien und Rhythmen treffen auf Kompositionen westlicher Musiker. Zeitgenössische Interpreten wie „Apocalyptica" und „Dead Can Dance" aber auch traditionelle, orientalische Musiker inspirieren die beiden Protagonistinnen zu einem sinnlichen Spiel der Gegensätze: Licht und Schatten, Traum und Wirklichkeit, Schein und Sein.
Ein insgesamt gelungener Abend, der Appetit auf mehr macht. Auf weitere Aufführungen des Tanzduos „Aus Licht und Schatten" und ebenso auf einen neuen sinnlichen Schmusekurs von Orient und Okzident. Das könnte ungeahnte Kräfte freisetzen, die Gedanken beflügeln - und am Ende nicht nur in Nord-Thüringen ein spezielles Beben auslösen: Dort ruht angeblich Friedrich Barbarossa tief unter dem Kyffhäuser. Doch dessen Gebeine wurden bekanntlich am Rande eines Rastplatzes in der syrischen Wüste verscharrt. In den romantischen Schluchten des Vorharzes wartet tatsächlich aber das „Staunen der Welt" auf seine Rückkehr - sobald Orient und Okzident wieder vereint sind ...

Sabine Straßburg und Rosi Setinbrück aus Eisenach und Kassel kümmern sich darum. Und sie tun es reizvoll und vielversprechend. Nochmals zu bestaunen am 20. Dezember um 20 Uhr im Spinnwerk in Halle 18, Aufgang E, der Leipziger Baumwollspinnerei. Alles nur Zufall? Leipzig war über Jahrhunderte herausragende internationale Drehscheibe des Ost-West-Handels. Es kann also eigentlich kein Zufall sein, dass die Geschichte vielleicht mal wieder hier beginnt - mit einem kleinen und feinen Sinnesrausch im Nähkästchen ...
Weitere Informationen unter www.auslichtundschatten.de
H.G.
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